Samstag, 9. März 2013

Ángel de la Muerte

Tag 1 - Zerbrechliche Lieferung


"Ich könnte längst mit dem Umlackieren unseres Schnellbootes fertig sein!" Largo sah sichtlich unzufrieden drein, als er an seinem neuen Anzug herum zupfte und sich immer wieder die Hose von der Kimme weg zog.       
          "Hast du eigentlich Mäuse unter deinen Klamotten rumlaufen?", stichelte Lightning schelmisch. Der Zwerg sah missmutig zu ihr rüber: " Dieser Zwirn treibt mich noch in den Wahnsinn."     
          "Willst du mir etwa weiß machen, dass ein bisschen Stoff schafft, was selbst Lightning noch nicht hinbekommen hat?"
          "Heeeeeeey!" Wieder einmal boxte mich die Zauberin in die Seite. "Das war nicht nett."  
          Largo zuckte mit den Achseln: "Ach, ich will nur schnellstmöglich wieder in meine Freizeitkluft und raus aus diesem steifen Brett."       
           
"Stell dich nicht so an. Dein Anzug sitzt wie angegossen. Außerdem gehört er zu unserem neuen Auftrag."
          Daraufhin kniff er ein Auge zu und fixierte Lightning mit dem anderen: "Stimmt ja, das haben wir ja DIR zu verdanken!"

          Tatsächlich hatte die Zauberin Tags zuvor einen Auftrag für unsere kleine Runneragentur an Land gezogen, und einen recht lukrativen noch dazu, wie ich betonen möchte.

          Der Unternehmer Beust gedachte seinen Geburtstag richtig groß zu feiern. Um sicher zu stellen, dass alle Gäste ohne Zwischenfälle die exklusive Feier genießen konnten, verlangte es Herrn Beust nach Bodyguards. Der mit Alyssa bekannte Barkeeper Barry hatte uns den Kontakt zur Bodyguardagentur vermittelt, die von Herrn Beust beauftragt worden war: ein Mensch auf dessen Glatze zwei metallisch schimmernde Streifen zu sehen waren und sich selber nur "Onkel Herb" nannte.      
          Wenn ihr mich fragt, klingt das nach einem 1A Decknamen für einen Kinderpornohändler. Nun, der offensichtlich vercyberte Herb hatte mit solchen Geschäften allerdings nichts am Hut. Er war von uns so angetan, dass wir sogleich für eine ganze Woche engagiert wurden.  Nach der Feier standen nämlich noch Geschäftsverhandlungen mit Partnern aus Südamerika auf dem Plan. Pro Mann und Nase winkten 1.500 Euro am Tag. Als Onkel Herb uns mitteilte, dass wir lediglich Beusts jüngste Tochter Aan zu beschützen hätten, dachte ich mir: "Für DIE Kohle pass ich sogar auf das Häufchen seines Köters auf."    

Freitag, 8. März 2013

Hanse Wasabi

Kapitel 4 - Moshpit

        Alle bekannten und noch nicht nieder geschriebenen Verkehrsregeln missachtend, prügelte Largo den Rover über die Straßen Hamburgs zu dem Treffpunkt, den Kryscha gesendet hatte. Endlich an unserem Ziel angekommen, sah ich zur projizierten Stadtkarte und dann zu den anderen: "Tja, scheint, dass wir hier richtig sind."        
         Unter Schmerzen stemmte sich Lightning auf dem Rücksitz vor: "Moment mal, hier haben wir doch heute Morgen deine Elfenfreundin und Knubbbelchen abgeholt."
         "Pass auf, ich weiß auf welche Stellen deines Körpers ich drücken muss, um deinen Mund zu schließen."      
         Ich glaube nicht wirklich, dass er ihr weh getan hätte, aber ab und an musste man der Magierin auch was entgegen setzen. Sie verzog schmollend den Mund: "Ist ja gut, musst nicht gleich grob werden.", und hielt sich die verletzte Seite. Ein Verband, den Largo angebracht hatte, versorgte sie zusätzlich mit Schmerzmitteln. Sunetra war zwar ebenfalls übern Berg, aber in deutlich schlechterer Verfassung.    
         "Gut, der Rest sollte ein Kinderspiel sein. Largo und ich bringen Bianca zu unserer Auftraggeberin. Ihr zwei bleibt hier und bewacht den Wagen. Ich hoffe ich muss das nicht mit dir ausdiskutieren, Alyssa!"
         "Kein Bedarf. Das heb ich mir für 'ne bessere Gelegenheit auf." Sie lächelte matt und zog ihre Pistole, um mir zu zeigen, dass sie den Rover bis zum Letzten verteidigen würde, wenn sie musste.

Hanse Wasabi

Kapitel 3 - Pommes Tot-Weiß

        Es gibt gute Gründe, warum ich keine Kinder habe. Zum einen habe ich noch nicht die Frau gefunden, mit der ich mein Leben verbringen will. Zum anderen ist das Leben als Runner sehr gefährlich und wenig beständig - schließlich gehören Kugeln, die einem um die Ohren pfeifen durchaus zum Alltag. Wer weiß schon wann man dem final beschleunigten Metalltropfen begegnet?  
         So ein Leben will man nicht unbedingt einer Partnerin antun. Der beste Grund aber keine Kinder zu haben ist für mich immer noch: Sie rauben mir den letzten Nerv!        
         Wir waren gerade mal fünf Minuten von der Halle weg und hatten Kryscha über Komlink über die Rettung der vierzehnjährigen Tochter ihres Champions informiert, da begann Bianca zu quengeln. Unglaublich wie schnell sich diese Göre an ihren Magen erinnern konnte. Noch kurz zuvor ist sie fast abgemurkst worden und schon verlangt sie nach einem Burger. - Und das laut, ausdauernd und in einer nerv tötenden Tonlage.          Notiz an mich selber: kleine Mädchen sind wie Lightning auf Speed!        
         Um des Friedens willen verließ ich die Autobahn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit und lenkte den Rover zu einem der Stuffer Shack Filialen. Es gibt noch nicht allzu viele Filialen in den ADL - meiner Meinung nach aber sind es schon zu viele - also sollte ich über diese nordamerikanische Junkfood Kette ein paar Worte verlieren.
         Die Chefs von Stuffer Shack dachten sich bei der Gründung wohl, dass ein Supermarkt alleine viel zu langweilig ist. Also kombinierten sie das Geschäftsprinzip eines Lebensmitteldiscounters mit einem Elektronikmarkt und Burgerladen Schrägstrich Café. Jetzt sollte man meinen, dass sich die Leute irgendwann endlich mal auf einen gewissen Qualitätsmindeststandard für Nahrung einigen konnten. Der Dreck, den man in einem Stuffer Shack kaufen kann, ist so mies, dass selbst Hunde einen Bogen darum machen. Unser kleiner Gourmet allerdings fuhr total auf den Fraß ab.    

Mittwoch, 6. März 2013

Hanse Wasabi

Kapitel 2 - Für eine Handvoll Euro

        Kaum waren wir in meiner Bude angekommen und hatten uns einen Soycaf reingewürgt, kam eine Eilmeldung über das Schattennetz rein. Sie war offen gesendet worden und nicht an einzelne Runner. Jemand brauchte dringend ein Team für einen Job. Sie wollten einen Rigger, mindestens einen Magier und ein paar Muskeln oder Waffenspezialisten.
Wenn man als Runner neu im Geschäft ist und chronisch knapp bei Kasse, darf man nicht wählerisch sein. Zwar hätte ich mich lieber mit ominösen Beschattungen meinerseits und den abhanden gekommenen Erinnerungen einer Elfenfreundin beschäftigt, aber so eine Gelegenheit bietet sich nicht oft. 
          Dass die Nachricht im offenen Netz war bedeutete, dass wir uns sputen mussten. Also packten wir unsere Siebensachen und fuhren zur angegebenen Adresse.                
          Das Baikal lag mitten auf der Musikinsel im Zentrum Hamburgs. Hier reihten sich Bars, Clubs, Restaurants und Discotheken aneinander. Wir hatten gerade mal zehn Uhr morgens durch, weswegen nicht allzu viel los war. Wir wurden von einem mürrisch dreinblickenden Troll begrüßt, der uns die Waffen abnahm und zu einem Aufzug geleitete.
          "GELDGELDGELDGELDGELD! JUHU!"   
Unsere derzeit einzige funktionstüchtige Magierin bekam  sich bei der Aussicht auf ein paar Euro kaum mehr ein und freute sich ein zweites Arschloch. Langsam nervte es aber und darum war ich dankbar, als Sunetra dem ein Ende setzte, indem sie ihr  mit der flachen Hand einen Klaps auf den Hinterkopf verpasste.
          "Reiß dich am Riemen, Gajin!"  
"AUUU!", protestierte Alyssa, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, und rieb sich zur Verdeutlichung den Schädel. Largo ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen ebenfalls auszuteilen: "Stell dich mal nicht so mädchenhaft an. Es wird schon nicht so weh getan haben wie dein erstes Mal."

Hanse Wasabi

Kapitel 1 - Rekrutierungen

        Der Volksmund sagt, dass Erinnerung schmerzhaft sein können. Das gleiche gilt aber auch dafür sich NICHT zu erinnern. Nein, ich meine nicht diese kleinen Erinnerungslücken, die einen nach einer durchzechten Nacht plagen können. Ich rede von einer ausgewachsenen Amnesie. Keinerlei Erinnerung mehr an den eigenen Namen, wo man her kommt, wer oder was man ist.
         Ein Zustand, in dem man mit aller Kraft zumindest ein paar kleine Bröckchen der Erinnerung an die Oberfläche der geistigen Suppe in seinem Schädel zu spülen versucht. Eine Anstrengung, die schon fast körperliche Schmerzen verursacht.
         Die Elfin jedenfalls verspürte die Auswirkungen eines solchen Versuches am eigenen Leib, als sie sich von ihrer Liegestatt aufbäumte, dann zusammenkrümmte als hätte man ihr einen Schwinger in die Magengrube verpasst, um anschließend dem Dekor der wanzenverseuchten kleinen Kabine eine persönliche Note hinzuzufügen. Matt wischte sie sich mit dem Handrücken den Mund trocken und ließ sich an der gegenüberliegenden Wand langsam zu Boden sinken. Sie fragte sich, wie man mit leerem Magen überhaupt noch kotzen kann.
         Der Flashback kam mit einer solchen Gewalt über sie, dass sie sich kaum auf das Gesehene konzentrieren konnte. Als die Elfin sicher war, dass sich ihr Bauch wieder beruhigt hatte, schloss sie ihre Augen, um noch einmal die Bilder Revue passieren zu lassen. Was hatte sie vorhin gesehen? Eine Lagerhalle, gigantisch hoch. Sie rannte. Allerdings konnte sie nicht sagen, ob sie jemanden verfolgte oder selber verfolgt wurde. Die Szenerie wechselte. Sie befand sich nun unter freiem Himmel. Über ihr schwebten irgendwelche chromblitzende Fluggeräte. Dann plötzlich zuckten blaue und grüne Blitze zwischen ihnen umher. Wurde da gezaubert?
         Auf einmal war sie von schemenhaften, schwarzen Gestalten umringt. Einer hob einen Arm und sie sah noch einen grell leuchtenden Strahl daraus hervor zucken. Durch die Dunkelheit, die sie umfing hörte sie nur noch eine heisere Stimme "Xerxes" flüstern.
         Ab da endete es. Die Übelkeit kam plötzlich wieder zurück. Doch bevor ihr Magen erneut revoltieren konnte, öffnete die Elfin die Augen und befand sich erneut in der tristen Wirklichkeit ihrer Schiffskabine. 

Dienstag, 5. März 2013

Berlin sehen und NICHT sterben




        Misstrauisch beäugte der Kfz-Mechaniker die Schäden an meinem Rover 2068. Ich hatte ihn erst kurz vor den tragischen Ereignissen erworben, die mich meinen Job beim privaten Nachrichtendienst ARGUS kosteten. Er war also noch relativ neu und ich hing an dem Schmuckstück. Den Geländewagen nun so ramponiert zu sehen schmerzte - und meinem Credstick besonders.
          Henry - zumindest behauptete das das Namensschild an der Brusttasche des Mechanikeroveralls - drehte sich Kaugummi kauend zu uns um und lenkte unsere Blicke mit seinem rechten Daumen auf das Einschussloch in der Heckscheibe hinter ihm.
          "Se fangen gern Fliegen im Rückwärtsgang, wa?"
Mehr als nur dezent klang sein Berliner Dialekt durch.
"Yeah, elende Metallmücken. Fliegen verdammt schnell hier im Osten der ADL." Einen Moment lang fuhr er wortlos fort, seinen Kaugummi zu bearbeiten.
          "Dreihunnertfuffzich Euro un ick interessier mich nich für ihr Mückenproblem."
          "Sagen wir vierhundert - für den schnellen Service." Die Miene des Mechanikers hellte sich auf, als er einschlug.
          "Se gefallen mir. So Kundschaft könnt ick öfters brauchen." Er griff nach einem kleinen Kasten an seiner Hüfte, seinem Komlink. Sofort wurden Lagerlisten auf die Innenseite seiner Brille projiziert.
          "Se haben Glück. Ick hab ne passende Scheibe auf Lager. Wenn se en Stündchen Zeit haben, könnt ick es gleich machen."
          "Ich hab eh nichts besseres vor. - Äh sagen sie, ist es okay, wenn ich mir an ihrem Automaten einen Kaffee ziehe?"
"Sofern se die Schlacke, die da raus kommt so nennen wollen... Bedienen se sich ruhig."
          "Wollen sie auch einen?"
"Nee danke, ick hab noch etwas Öl im Lappen." Lachend ging Henry nach hinten ins Lager.
          Cone, der bislang nichts gesagt hatte, brach sein Schweigen.
"400? Du gibst aber hohe Trinkgelder, Hendrik."
          "Zum einen gehört das zum guten Ton, wenn man morgens um fünf Uhr in einer 24 Stunden Werkstatt den Mechaniker aufscheucht und zum anderen haben wir es eilig. Ich kenne Kerle wie ihn. Wenn die bockig sind, brauchen die alleine für die Ersatzteilbestellung drei Tage. Außerdem werde ich dich angemessen an den Kosten beteiligen. STOP! Komm erst gar nicht auf die Idee zu protestieren. Mein Wagen hätte sich keine Kugel eingefangen, wenn ich dich in Dresden nicht hätte rauspauken müssen."
          Zornesröte erkämpfte sich Cones Gesichtszüge. Doch bevor er etwas Beleidigendes sagen konnte, schluckte er seine Worte herunter, atmete tief durch und ging zu den Toiletten. "Ich muss meinen Verband wechseln."
          Ich sah dem alten Hitzkopf noch eine Weile hinterher. Irgendwann würde er seine cholerische Ader in den Griff kriegen müssen, bevor es noch böse endete. 
          Henry hatte beim Kaffee nicht zu viel versprochen. Natürlich hatten sie keinen echten Kaffee da. Wer außer den Reichen konnte sich so etwas schon leisten? Soycaf gibt sich nie besonders viel Mühe Kaffee nachzuahmen, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Der Dreck, der aus dieser Maschine troff war jedoch selbst für Soycaf eine Beleidigung. Egal, Hauptsache Koffein.
          Ich lehnte mich an die Wand und nippte an der flüssigen Teergrube in meiner Hand. Es waren seit Cones misslungenem Einsatz in Dresden erst einige Stunden vergangen und ich ließ mir die Ereignisse dieser Nacht noch einmal durch den Kopf gehen.
***

Familienangelegenheiten




        Die verfluchte Stadt hat mich wieder.
Dresden - oder besser gesagt, das was davon übrig geblieben ist. Seit den Europakriegen von 2031/32 ist hier nichts mehr wie früher - nicht dass ich das je persönlich gekannt hätte. Ich war noch Quark im Schaufenster, als die Russen damals hier einfielen, um Sachsen zu annektieren. Sie konnten zurückgeschlagen werden, aber eine Junta aus Bundeswehrgenerälen errichtete auf den Ruinen des ehemaligen Freistaats das Herzogtum Sachsen. Dresden wandelte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Stadt gewordenen Tumor aus Industrie, Slums,  Schickimicki-Wohnbezirken und Mülldeponien. Letztenendes war es ein Polizeistaat. Nur dass hier die Armee die Gewalt hatte.
Ich konnte diese Stadt noch nie leiden. Drecksarmee... arrogantes Pack!
        Und jetzt saß ich hier fest. So lange, bis ich Kontakt herstellen konnte.Bei einer Observierung gibt es nur eine feste Regel: Lass dein Ziel nie aus den Augen!
          Aber leider ließ mich höhere Gewalt diese Regel brechen. Meine Blase, das dämliche Organ, beging Insubordination. Ich musste mal. Dem einen oder anderen mag es peinlich sein so etwas zu erwähnen, aber so spielt das Leben halt.