Montag, 19. August 2013

Unterm Messer




 Kapitel 1 - ARGUS Whitechapel
            Professor Doktor Markus Brandhorst fühlte sich zur Abwechslung wunderbar. Alles lief nach Plan und er konnte in Ruhe - und das bedeutete ganz alleine - im Labor arbeiten. Das Projekt an dem er die letzten achtzehn Monate so beharrlich geforscht hatte, war endlich in der finalen Phase angelangt. Sofern die Tests wie erwartet positiv ausfielen, konnten die Feldstudien mit den lebenden Patienten beginnen.  
            Für gewöhnlich arbeitete der Arzt solo, wenn er den dem Labor angeschlossenen Operationssaal nutzte. Wann immer er die Wahl hatte, zog er die Einsamkeit der Gesellschaft vor. Ohnehin bestand sie am Institut lediglich aus bestenfalls leidlich gebildeten Kollegen, die ihn mit dämlichen Fragen belästigten. Generell waren ihm andere Menschen nur im Weg. Mehr noch: er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl. Während andere geradezu leichtfüßig um die Fettnäpfchen und Stolperfallen im Minenfeld der zwischenmenschlichen Kommunikation tanzten, schien er sie magisch anzuziehen. Roboter, Akten, komatöse Patienten, noch lieber waren ihm Leichen oder einzelne Organe – damit konnte er umgehen. Sein Ungeschick im sozialen Bereich ging so weit, dass er sogar seine Anschlussrehabilitation abgebrochen hatte. Allerdings glich seine Abreise mehr einer Flucht als einem strategischen Rückzug.         

Donnerstag, 18. Juli 2013

Back in Black




          Dunkelgraue bis schwarze Wolken, die den Himmel verstecken. Ein Nieselschauer, der die Kleidung über die Dauer der Zeremonie durchweicht und im Duett mit einem unerbittlich pfeifenden, eisigen Wind die Kälte bis in die Knochen treibt. So sehen Hollywoods Konventionen für eine anständige Trauerfeier aus. Doch weder waren wir in Amerikas Traumfabrik, noch wollten wir einen billigen Trivid-Film drehen. Dies war die Wirklichkeit - und die war auch an einem sonnigen Juli Tag schon kaum zu ertragen. Wer also der Meinung ist, dass gefälligst beschissenes Wetter zu herrschen habe, wenn man einem Freund das letzte Geleit gibt, der ignoriert einfach die Tatsache, dass ein laues Lüftchen die Blätter der Bäume rascheln ließ, Vöglein lustig zwitscherten und nicht eine einzige Wolke den blauen Himmel bedeckte.       
            Knapp zwei Wochen waren seit dem schicksalhaften Abend vergangen, an dem ein Neonazi meinem Cousin Cone aus nächster Nähe ein halbes Magazin in den Rücken entleert hatte. Das elende Dreckschwein war zwar von Sunetra in seine molekularen Einzelheiten zerlegt worden, aber das brachte unseren Freund leider nicht wieder zurück. Nun blieb uns nichts anderes übrig, als dem groben Klotz einen würdigen Abschied zu bereiten.    

Dienstag, 9. Juli 2013

Breit gemacht auf dem Kindle


              Hallo, Freunde der E-Book-Reader,
nach langem Hin und Her hab ich mich endlich mal mit Calibre und diversen anderen Programmen auseinander gesetzt, gerungen, geflucht, ein wenig gejammert und gebettelt, und ... jedenfalls ist endlich der erste Band der Wild Cards auch als E-Book erhältlich.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Im Sog des Mahlstroms


Kapitel 7 - Operation Schnittmuster

            Ein sanftes Lüftchen spielte mit meinen schwarzen Haaren, als sich die Dead Man's Hand des Nächtens durch den innerstädtischen Teil der Elbe schob, die 2011 große Teile Hamburgs überflutet und in der Folge nur widerwillig und dann auch nur einen Teil ihrer Trophäe wieder hergegeben hatte. Bis auf wenige Wolken war es eine sternenklare Nacht, was eine willkommene Abwechslung zum Regen der vergangenen Tage war - selbst wenn es bedeutete, dass wir damit zum feuchtschwülen Juni zurückkehren mussten. Für den Moment allerdings waren die Wetterbedingungen optimal für die Mission, die uns bevorstand.
            "Irgendwann müssen wir uns mal den Laden von innen anschauen.", sagte Cone, der Big Willi grinsend angaffte - das Alcatraz Hamburgs, wenn man so will. Bevor jemand anderes etwas sagen konnte, bekam er von Alyssa, die etwas fröstelte, den passenden Kommentar: "So wie ich dich kenne, wirst du über kurz oder lang auf natürlichem Weg da drin landen. Aber wenn es soweit ist, sei bitte nicht sauer, wenn ich auf Abstand zu dir gehe."
            "Ach du! Das mein ich doch nicht."     
"Wenn du so begierig darauf aus bist dich zu prügeln, wirst du nachher noch genug Gelegenheit bekommen.", sagte ich mit einem tadelnden Seitenblick auf meinen Cousin. So sehr ich seinen Enthusiasmus schätzte, er neigte manchmal zu unüberlegten Aktionen und dann war es an uns ihn wieder etwas zu bremsen. Wir ließen die Gefängnisinsel hinter uns und passierten die ersten schwimmenden Bars und Clubs des dem Hafen vorgelagerten Vergnügungsviertels. In unserem Rücken beleuchteten die grellen Lichter der Sardinenstadt die Nacht, sodass sie die Sterne in einem großen Umkreis überstrahlten.  
            "Hat Largo eigentlich etwas nützliches über unser Ziel herausfinden können?", wollte Cone wissen, während wir, auf die Reling gestützt, den feiernden Leuten auf den Pontons zusahen. "Den markierten Ausweis von Frau Halvers konnte er in einem Haus im Südosten Harburgs aufspüren. Laut Stadtarchiv handelt es sich um ein leerstehendes Mietshaus. Allerdings ist die Gegend unter Kontrolle der Faschisten. Die HanSec hat den Bereich aufgegeben und sich schon vor vielen Jahren zurückgezogen. Seitdem ist das rechtsfreier Raum, in dem sich dieses Dreckspack seine eigenen Gesetze macht."    
            "Umso besser." Cone klopfte mir freudig auf die Schulter. "Das bedeutet, dass sich niemand für den Stapel Leichen interessieren wird, den wir dort heute Nacht zurücklassen werden."

Freitag, 14. Juni 2013

Im Sog des Mahlstroms



 Kapitel 6 - Arische Kronen

            Es gibt Tage an denen ich am liebsten alles hinschmeißen würde. An diesem war ich bereits als Abschleppdienstleister unterwegs gewesen, hatte eine Leiche untersucht, war mehrfach durch halb Hamburg gedüst, um mich aus einem zwielichtigen Casino werfen zu lassen, um einen Aufmarsch von Neonazis aufzulösen (Und das wohlbemerkt lediglich mit einem Telefon bewaffnet!), nur um bei einem simplen Überwachungseinsatz fast eine Freundin zu verlieren und versehentlich einen unschuldigen Mann anzuschießen, als ich eingreifen musste. Dass uns Doc Wagon auf unserer Flucht beinahe das Fell über die Ohren gezogen hatte, erwähne ich besser gar nicht. Ich will endlich ins Bett.          
            Stattdessen stand ich kurz vor Mitternacht mit stetig sinkender Laune im sechsten Stock einer verlassenen Baustelle, die einmal ein Bürogebäude hatte werden sollen bevor die wirtschaftliche Realität sie eingeholt hatte, und verhörte eine der Glatzen, die wir im Hotel gefangen nehmen konnten. Obwohl Lightning ihn fest mit Kabelbinder verschnürt hatte, windete sich der Bastard als hielte er sich für Houdini höchstpersönlich. Aus der Misere brachte ihn das allerdings nicht. Nachdem ihn auch nettes Fragen, höfliches Drohen und grobes Argumentieren nicht zum Reden gebracht hatte, packte ich ihn am Schlafittchen und hing ihn durch ein brüstungsfreies Fenster am Rand der Baustelle über den Abgrund. Doch auch dann weigerte er sich partout sein Maul aufzumachen. Nebenbei bemerkt trugen seine permanenten Beleidigungen nicht dazu bei meine Stimmung zu heben.    

Samstag, 8. Juni 2013

Im Sog des Mahlstroms



 Kapitel 5 - Totgesagte leben länger

            Ohne übertriebene Hektik steuerte Hrabnaz den alten, von Rost zerfressenen, klapprigen Golf 13 auf einen der wenigen Parkplätze vor dem Hotel. Auch wenn er sich dank seiner magischen Künste sehr gut seiner Haut erwehren konnte, war er froh, dass eine der wenigen funktionstüchtigen Lampen in der Straße diesen Platz erhellte. Die Gegend war ziemlich herunter gekommen. Müll lag auf der Straße und dem Gehsteig. Die mit zerfledderten Plakatresten beklebte Litfaßsäule, ein Relikt aus den Tagen vor der Erfindung des Augmented Reality, stand so schief, dass man meinen konnte, sie wolle sich auf den erstbesten Passanten fallen lassen, der so dumm war sich ihr zu nähern. Der Putz bröckelte bereits von der Fassade des Hotels 'Heitere Springflut'. Der Name ließ den Schamanen abfällig grunzen. Sein bester Freund, der zeitgleich auch sein Boss war, sah fragend vom Beifahrersitz zu ihm herüber. "Guck dir die Gegend an! Das Einzige, das hier für Heiterkeit sorgt, ist die Straße, die von dem Drecksloch wieder weg führt." 
            Heinrich lächelte sein bitteres Lächeln - wie er es immer tat, wenn er zynisch wurde. "Ich weiß gar nicht, was du hast. In solchen Gegenden hatte ich bisher immer am meisten Spaß" Dabei fuhr er mit seinem Kampfmesser sanft seinen Zeigefinger ab und blickte ihn über die Klinge hinweg an. Sein Boss liebte den Zweikampf und war berüchtigt für seine brutale Vorgehensweise, besonders wenn er ein Messer führte. Hatte er einen Gegner erwischt, stach er nicht erneut zu um die Sache zu beenden. Nein, Heinrich bevorzugte es die Klinge um die eigene Achse zu drehen und sich durch die Eingeweide zu sägen und zu schneiden.

Samstag, 1. Juni 2013

Im Sog des Mahlstroms



Kapitel 4 - Breaking News

Hendrik, 19:43 Uhr

            "Hab ich die Scheiße ihnen zu verdanken?"   
Kaum hatte ich den Anruf auf dem billigen, aber dafür anonymen Wegwerfkomlink angenommen, schnauzte mich unser Auftraggeber barsch an. Ich blinzelte sein Videobild im AR verdattert an und bekam von einem ungelenken 'Ähm...?!' abgesehen keinen Pieps heraus. Mein Blick verriet ihm, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach, weshalb er seinen rüden Tonfall wieder etwas zurücknahm: "Schalten sie NDR Kanal 4 ein!"         
            Folgsam startete ich die TV-App meines Komlinks und wartete, bis der Minibildschirm vor der linken Hälfte meines Gesichtsfelds erschien. Die Nachrichten liefen gerade und verhießen nichts Gutes.          
            "
... wurde eine Mitarbeiterin der PR-Abteilung von Bürgermeisterin Lyzhichko bereits seit Dienstag Abend vermisst.", salbaderte die Moderatorin von Hamburg Heute mit einem süffisant unbeeindruckter Lächeln.      
            Als der NDR ein Bild von Stefanie Halvers einblendete, war klar, dass es sich tatsächlich um 'unsere' Vermisste handelte. Zunächst dachte ich mir nichts dabei. Früher oder später musste noch jemand anderes auf die Idee kommen nach ihr zu suchen. Vielleicht hatte jemand einen Kontrollanruf bei ihren Verwandten getätigt oder hatte versucht sie zu erreichen und war misstrauisch geworden. Ich gebe zu, dass es naiv von mir gewesen war, so eine Möglichkeit in Betracht gezogen zu haben, denn am Ende des Beitrags ließ die Nachrichtensprecherin die eigentliche Bombe platzen:          
            "
Unbestätigten Gerüchten zufolge handelt es sich bei Stefanie Halvers um die Geliebte der Bürgermeisterin. Rudolf Neukollen von der Christlichen Volkspartei Hamburgs nahm dies zum Anlass den lockeren Lebenswandel der Bürgermeisterin scharf zu kritisieren."