Samstag, 4. Juli 2015

Schatten über Jigoku

Kapitel 2 - Das andere Ende der Sechsten Welt

            Vor uns strahlten Myriaden Lichter des Neu-Tokioter Sprawls gegen die Finsternis an und erzeugten eine in schillerndsten Farben leuchtende, leicht pulsierende Photonenkuppel. Direkt über unseren Köpfen verharrte jedoch eine sternenklare Nacht. Es herrschte frostiges, fernöstliches Klima. Zu meiner Überraschung waren die Temperaturen auf der anderen Seite des Globus genauso enttäuschend wie daheim. Doch war es nicht der eigentliche Grund, der mich frösteln ließ. In der Dunkelheit konnte ich mehrere Gestalten erkennen. Sie trugen Lederkluft und Motorradhelme, sogar die, die aus dem Jeep gestiegen waren. Etwas an ihnen blitzte und funkelte böse, wie die Sterne, die mit silbriger Kälte vom Himmel auf uns herab starrten. Gänsehaut wuchs auf meinen Armen und die Nackenhaare stellten sich auf, als ich erkannte, was einige von ihnen in ihren Händen hielten.      
            Kurzschwerter.
Na das fängt ja gut an.

Freitag, 26. Juni 2015

Schatten über Jigoku



Prolog
            ‚Schatten dominieren diesen Ort.‘        

Der Priester spürte die hasserfüllte Präsenz durch jede Ritze, jede Spalte quellen, wie sie wucherte, sich tumorartig ausbreitete, die Seelen der Menschen infiltrierte und korrumpierte, alles und jeden ins Böse verkehrte. Shinta war unwohl in seiner Haut, doch er wusste tief in seinem Inneren, dass er nun, im entscheidenden Moment, nicht mehr zögern durfte. Seine Mission war, den Schatten zu bannen, der vor einiger Zeit damit begonnen hatte, von der Neu-Tokioter Unterwelt aus sein Netz zu spinnen.
            Viele Mühen und unzählige Gefallen hatte es ihn gekostet die Spur bis zu dieser Bar zu verfolgen. Karaoke und leichte Mädchen wurden hier neben Sake, Whiskey und Snacks auf der Karte angeboten. Unter normalen Umständen würde sich der Priester einen Dreck um die zwielichtigen Geschäfte scheren, die hier abgewickelt wurden. Bezahlter Sex stand nicht besonders hoch auf seiner Beliebtheitsskala, aber es gab weiß Gott schlimmere Verfehlungen. Doch unlängst hatte sich der Amüsierschuppen in eines der Nester verwandelt, in dem Es zu hausen pflegte. Während seiner Recherchen hatte der Shintopriester herausgefunden, dass sich das Wesen besonders in der Nähe von Außenseitern der Gesellschaft wohlfühlte.     
            Unter den Verzweifelten und Ausgestoßenen, die nichts mehr zu verlieren hatten, rekrutierte es auch seine Söldner. Manche von ihnen unterwarfen sich freiwillig seinem unbeugsamen Willen, andere zwang es mit Gewalt unter seine Kontrolle. Der traurige Rest bekam keine Chance von der Begegnung mit dem Leibhaftigen zu erzählen.    

Donnerstag, 12. Februar 2015

Kalte Wasser

            Sunetra betrachtete die Regentropfen, die langsam an der Fensterscheibe wie kleine Glaskugeln herunter rutschten. Obwohl die Fensterfront geschlossen war und die automatische Raumtemperatur die Kälte auf der anderen Seite zuverlässig in Schach hielt, meinte sie den Wind an ihren Armen und Beinen spüren zu können. Das laute Pfeifen des nächtlichen Windes tat sein übriges.          
            Die Nacht war ihr immer lieber gewesen als die blendende Klarheit der Sonne, die die Welt in Hell und Dunkel unterteilt oder gar alles mit ihrer Helligkeit für sich beansprucht. Die andere Hälfte des Tages erschien ihr stets passender, mit den wechselnden Bedingungen von Vollmond, Wolken, künstlichem und natürlichem Licht. Der Tag war die Domäne der Optimisten und ironischerweise, der Träumer. Seine Welt war klar und hell, ganz von selbst und offen für jeden, der in sie hinein trat. Die Nacht hingegen erforderte, dass man sich mit ihr auseinander setzte, Licht und Möglichkeiten mussten den Schatten und der Dunkelheit abgerungen werden. Grau und Schwarz waren ihre Farben. Silhouetten konnten alles in sich beinhalten, von tödlichen Gefahren bis zu besten Freunden. Dies erschien ihr stets als eine bessere Beschreibung der Welt, ohne dass sie dies jemals zum Anlass genommen hätte an ihr zu verzweifeln. Vielmehr lag darin ein Imperativ, eine fundamentale Herausforderung, und Sunetra hatte sich dieser stets gestellt.      

Samstag, 8. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 3 – Iden des März

                    So zu tun, als wäre man nicht auf der Flucht, obwohl man gerade auf schnellstem Wege das Weite sucht, ist nicht mal im Ansatz so einfach, wie es in billigen Trivid Filmen immer wieder kolportiert wird. Ganz besonders, wenn einem dabei Überwachungsdrohnen wie Scheiße am Hacken kleben.
            Wir verluden gerade eine der Metallboxen aus dem Anhänger des Lastwagens in das Wild Card Mobil, als sie Largo auffielen.    
            Zwei Objekte von der Größe einer Schokoladentafel schwebten in etwa dreißig Metern Höhe über dem LKW. Ohne Cyberaugen war für uns andere schwer zu erkennen, dass da überhaupt etwas war.
            Der Zwerg hielt inne und musterte sie einen Moment lang. „Militärische Bauweise. Sind verdammt gut ausgestattet. Die haben bestimmt meine Fly-Spy entdeckt, die dem Truck folgen sollte.“
            „Deshalb haben die Penner also gewusst, dass wir kommen!“, fluchte Alyssa und warf die Heckklappe des Toyota mit mehr Kraftaufwand als nötig zu. 
            „Auf geht’s! Wir sollten die Dinger so schnell wie möglich los werden.“ Hank, Largo und die menschliche Magierin stiegen in den Wagen ein, während ich wieder hinter Sunetra auf der Mirage Platz nahm. Knatternd startete die Maschine. Ihre Stimme ging in ein leierndes Nölen über, als sie mit durchdrehenden Reifen davon brauste, unserm zweiten Fahrzeug hinterher. 

Sonntag, 2. November 2014

Die Nacht der langen Messer

Kapitel 2 – Heißer Reifen

           Dämmerlicht drang durch die frisch geputzten Fensterscheiben und vermischte sich mit dem spärlichen, weißkalten Kunstlicht der Deckenlampen. Die Sonne enthüllte nichts, das Ricardo nicht bereits mit Hilfe seiner künstlichen Augen hatte sehen können. Viel zu entdecken gab es eh nicht. Nackte, in schlichtes Weiß getünchte Betonwände standen ringsum. Nur ein Pin-Up-Kalender mit drittklassigen Weibern und ihren viertklassigen, künstlichen Titten, schmückte den Raum. In regelmäßigen Abständen ragten Träger der stützenden Stahlkonstruktion aus den Wänden hervor. Förderbänder lieferten Fracht vom Verladedock durch die Anlage, an Scannern vorbei und aus der Halle heraus in den Außenbereich, wo sie auf Zügen und Lastwagen ihre weitere Reise antraten.
            Ricardo war es unmöglich die Schlichtheit der Architektur, die Sauberkeit oder die Effizienz zu schätzen, mit der hier gearbeitet wurde. Es war nicht so, dass es ihm an blumigen Ausdrücken gemangelt hätte. Er kannte sie alle aus der Zeit vor seiner Metamorphose. Doch seit er nach umfangreichen Operationen mehr Maschine denn Mensch war, hatte vieles um ihn herum an Bedeutung verloren. Genuss, leichtfüßiger Umgang mit Frauen, Pflege sozialer Kontakte… Ricardo spürte keine Leidenschaft mehr in seinem Leib. Selbst der Begriff Langeweile war etwas, das mit jedem Tag fremder klang. Ihm war spätestens seit der letzten Operation das Gefühl für Zeit vollständig entglitten. Geduldig konnte er stunden-, ja tagelang, ausharren und warten, ohne dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Stoisch wie ein Roboter auf Abruf.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Die Nacht der langen Messer


Kapitel 1 - Die Oper ist erst zu Ende, wenn die fette Frau gesungen hat

                    Manchmal werden Worte umgehend Lügen gestraft.
'Ich wusst's! Ich wusst's! Ich wusst's!'
           
Zornig waberte die Erkenntnis durch das Zwergenhirn. Die Fäuste in den Taschen geballt, stapfte Largo den anderen Wild Cards hinterher ins Innere des Hel's Kitchen. Barrys Bar. Alyssas Kontaktmann zur Unterwelt der Hansestadt.   
            Wie viel lieber würde er noch immer an Bord der Dead Man's Hand den Abschluss der Mission und die Wiederwahl von Vesna Lyzhichko feiern, ein wohlverdientes, kühles Bier genießen.
            Schon vor Stunden hatte ihm sein Bauch geflüstert, dass der Mord an Karl Weißhaupt nicht das Ende der Geschichte sein konnte. Zu viel hatte er in seiner Karriere als Shadowrunner erlebt, um sich der Illusion hingeben zu können, so leicht aus der Sache herauszukommen. Ausgerechnet Sunetra, die er als erfahrene Kollegin und Freundin schätzte, hatte sich wie ein Anfänger mit der Sicherheit eines Blinden in einem Minenfeld über den Sieg gefreut. Sie hatte geglaubt, dass sich die gegnerischen Parteien aus Frankfurt nun kuschen würden.   
            'Zu früh gefreut, Spitzohr.'      
Keine zwei Minuten nach dem Anruf aus dem Büro der Bürgermeisterin klingelte Hendriks Telefon ein weiteres Mal. Sein Gesicht verwandelte sich in einen Korb gemischten sauren Obsts, als Yashida Himotos Antlitz im Videofenster erschien. Der Ork machte keinen Hehl daraus, dass er Sunetras Ex-Verlobten äußerst skeptisch gegenüber stand. Doch wenn er helfen wollte der Elfe den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die ihr ihr ehemaliger Arbeitgeber MCT[1] um den Hals gelegt hatte, musste er wohl oder übel mit ihm zusammen arbeiten. Also schluckte er runter, was ihm als Erstes in den Sinn kam und gab sich betont freundlich. Irgendwie gelang es ihm auf diese Weise seine Antipathie besonders gut zum Ausdruck zu bringen.     
            "Konbanwa, Himoto-San."       
Der Japaner lächelte typisch asiatisch freudlos. Genauso gut hätte er 'Leck mich am Arsch, blöder Penner!' sagen können. Stattdessen kamen folgende Worte aus seinem Mund: "Summerset. Sehr gute Arbeit, die sie und ihre Truppe in Westphalen geleistet haben. Ich bin erfreut über das neu geschmiedete Bündnis mit dem Hamburger Senat. Damit ist MCT seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen."

Samstag, 9. August 2014

Eine Woche Ewigkeit

Kapitel 4 - Die Zaunkönige sind los

            Freitag, 23:10 Uhr

            „Was haben sie hier zu suchen?!“, blökte die Stimme in meinem Rücken.       
Noch bevor man mir die Gelegenheit gab, mich um Kopf und Kragen zu quasseln, zischte ein mit Magie erzeugtes Säuregeschoss knapp an mir vorbei und zerplatzte an der geöffneten, mehrere hundert Jahre alten, massiven Tür. Der Lack begann zu brodeln und warf Blasen. Doch bevor sie unter der Hitze der chemischen Reaktion in Flammen aufgehen konnte, verging die ätzende Substanz und hinterließ lediglich einen schwärzlichen Fleck, von dem übelriechende, dünne Rauchfäden aufstiegen.          
            Shitdrekscheißeverdammtnochmal!
Binnen weniger Sekunden hatte sich der schöne Plan in Wohlgefallen aufgelöst. Michael musste zwar ein wenig diskutieren, aber schließlich überzeugte er seine Ehefrau von dem mitternächtlichen Ausflug. Nachdem sie das Haus mit Sekt und einem Snack im Gepäck verlassen hatten, inspizierte ich mit Sunetra den ersten Stock. Vielleicht ließ sich etwas Nützliches finden oder einen guten Platz für einen Hinterhalt. Am Ende unserer Runde wollten wir Hank über unsere Ergebnisse informieren, der immer noch unter dem Fenster wartete, durch das wir eingestiegen waren. Dann hätten die restlichen WildCards den Generator sabotiert. Während dann das Familienoberhaupt oder dessen ältester Sohn in den Stall gegangen wäre, hätte ich mit der Elfe die Gesellschaft im Erdgeschoss ein wenig aufgemischt. Hauptsache so wenig Lärm und Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Selbstverständlich hätten sich unsere Freunde ebenso liebevoll um ihren Gast im Stall gekümmert.